Unbekanntes Aserbaidschan

Als die kleine Kaukasus-Nation Aserbaidschan im letzten Jahr den Eurovision Song Contest in Düsseldorf gewann, fragten sich nicht wenige Zuschauer, ob das überhaupt noch Europa ist – und was dieses unscheinbare kleine Land zu bieten hat. Anlässlich des bevorstehenden diesjährigen ESC in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku wird es Zeit, mit einigen Klischees aufzuräumen.

Klischee 1: Aserbaidschan ist ein armes Entwicklungsland

Manche machten sich Gedanken, ob denn überhaupt genügend Strom in Baku vorhanden ist, um ein solches Event aufzuziehen. Dabei ist Aserbaidschan keineswegs arm – das Land verfügt nämlich nicht nur über Ölquellen, sondern auch über Erdgas und viele weitere Bodenschätze. In den letzten Jahren gehörte das aserbaidschanische Wirtschaftswachstum zu den schnellsten der Erde und die Innenstadt von Baku braucht sich nicht hinter anderen Hauptstädten zu verstecken.

Klischee 2: Im Kaukasus herrschen ständig Unruhen

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach, der jedoch 1994 mit dem Rückzug der armenischen Truppen endete. Seitdem herrscht Frieden in Aserbaidschan.

Klischee 3: Das Land erlaubt Zensur und Unterdrückung

Bei den letzten Wahlen gewann die Partei von Staatschef Alijew sämtliche Sitze. Von Mauscheleien und Wahlbetrug war die Rede. Aber sollte den Einwohnern von Aserbaidschan, die ohnehin unter ihrer korrupten Regierung leiden, deswegen das Ausrichten und Feiern des Song Contests verwehrt werden?

Klischee 4: Hier gibt es nichts zu sehen

Na, dann schauen wir mal. Die Kaukasus-Region gehört zu den ältesten besiedelten Gebieten der Erde. Die UNESCO-Weltkulturerbestätten in Gobustan mit Felsmalereien aus ca. 10.000 v.Chr. liegt auf aserbaidschanischem Gebiet und können von Baku aus im Rahmen einer Tagestour problemlos besucht werden.

Auch Baku selbst verfügt über eine stattliche Anzahl von Weltkulturerbestätten, die sich innerhalb der Stadtmauern der Altstadt (Iceri Seher) befinden. Die erste Siedlung im heutigen Stadtgebiet wird auf das 7.Jahrhundert datiert, während die ältesten noch erhaltenen Gebäude aus dem 12.Jahrhundert stammen, darunter der fast 30 Meter hohe Jungfrauenturm (Qiz Qalasi) und die Reste der Festung Djebachan. Besser erhalten ist der prachtvolle Palast der Schirwanshahs mit dem Wohnkomplex der ehemaligen aserbaidschanischen Herrscher, einem Mausoleum, einem Badehaus, zwei Moscheen, dem Versammlungshaus Divanchana und dem noch erhaltenen Osttor des Komplexes, dem Murad-Tor. Sehenswert ist auch der Atashgah genannte Feuertempel, in dem früher hinduistische Rituale durchgeführt wurde und der heute ein Museum beherbergt.

Neben der prachtvollen Altstadt besitzt Baku auch einige sehenswerte moderne Monumente. Als Wahrzeichen der Stadt gilt der 310 Meter hohe Fernsehturm Azeri, von dessen Aussichtsplattform sich ein großartiger Blick auf die Stadt und das kaspische Meer bietet. Kulturfreunde besuchen das Museum für moderne Kunst, das neben Werken aserbaidschanischer Künstler auch Werke von Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Pablo Picasso und Salvador Dali zeigt.

Wer der Stadt entfliehen will, kann die mittelalterlichen Forts von Romani, Mardakan und Nardaran an der Spitze der Abscheron-Halbinsel besuchen oder eine Bootsfahrt auf dem kaspischen Meer unternehmen. Abends trifft sich die Jugend der Stadt am Baku Boulevard, der wunderschönen Uferpromenade, die extra für den Eurovision Song Contest verlängert wurde. Hier befindet sich auch der riesige Shopping Mall Park Bulvar mit fast 100 Geschäften, einem Multiplex-Kino, einem Planetarium und zahlreichen Restaurants.Direkt am Meer liegt auch die nagelneue Baku Crystal Hall, eine Veranstaltungshalle mit 25.000 Plätzen, die für den Eurovision Song Contest erbaut wird.

Gesprochen wird in Aserbaidschan übrigens eine eigene Sprache, Aserbaidschanisch, die eng mit dem Türkischen verwandt ist. Die Währung ist der neue Manat. Die meisten Aserbaidschaner sind Moslems, die nach der langen Zeit der säkularen Sowjetherrschaft erst langsam ihre Religion wieder entdeckt haben.

©Foto: Wikimedia Commons

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