Venedig zur Winterzeit
Kaum eine Stadt kämpft mit sovielen Klischees und realen Problemen wie Venedig, die Perle an der italienischen Adria. Und doch verzaubert die “Serenissima” auch noch den größten Skeptiker mit ihrer einzigartigen Atmosphäre.
Wer heute durch die engen, von Souvenirshops gesäumten Gassen vom Hauptbahnhof über die Rialto-Brücke zum Markusplatz geht, fühlt sich häufig in ein völlig überfülltes Freiluftmuseum versetzt. Tag für Tag stürmen tausende Besucher auf Venedig ein um ein wenig jener angeblich so einzigartigen Atmosphäre der Stadt mit ihren vielen Kanälen und Brücken zu erhaschen. Sie ärgern sich über unfreundliche Kellner, überteuerte Cappuccinos , den “Made in China”-Krempel, der an jeder Ecke feilgeboten wird – und natürlich über all die anderen Touristen, die im Weg stehen um ihre Stadtpläne zu studieren oder mit ihren grellbunten Jack Wolfskin-Jacken im eigenen Foto der malerischen bröckelnden Fassaden stören.
Da hilft nur eines: Die Hauptsaison vermeiden. Wenn die Tage kürzer werden und der Regen kommt, verfällt Venedig in einen monatelangen Winterschlaf, während dem es lediglich den Einheimischen gehört. Dann entfaltet sie sich wieder, die einzigartige Atmosphäre der kleinen Campos, in denen sich Großmütter zum Plausch treffen und Kinder ungestört spielen können. Wo der Gemüsehändler seine Ware mit dem Boot vom Festland bringen kann, ohne sich den Weg durch dutzende mit Japanern besetzte Gondeln bahnen zu müssen.
Selbst auf dem im Sommer überfüllten Markusplatz geht es dann ruhiger zu und so bietet sich ein ganz neuer Ausblick auf die einzigartige byzantinisch inspirierte Architektur des Markusdoms, der gleich neben dem frisch restaurierten Dogenpalast aus rosa Zuckerguss liegt. Heute ein beliebtes Fotomotiv war der Dogenpalast einst die Machtzentrale des venezianischen Reiches, das nicht nur die italienische Adria beherrschte, sondern sich in seiner größten Zeit bis nach Kreta und Zypern ausdehnte. Venezianische Seefahrer und Entdecker wie Marco Polo brachen schon im 10.Jahrhundert auf in den Osten um die unvorstellbaren Reichtümer ferner Länder wie Indien und China nach Europa zu bringen. Mehrere Jahrhunderte lang war Venedig die reichste Nation Europas und beherrschte die Handelsstraßen des östlichen Mittelmeeres. Auch die langandauernden Konflikte mit dem osmanischen Reich, das den Venezianern nach und nach ihre griechischen Besitzungen abnahm, konnte die Macht Venedigs nicht schmälern: Dies tat der genuesische Seefahrer Christoph Kolumbus, als er im Auftrag der spanischen Krone gen Wesen segelte und Amerika entdeckte: Die Machtverhältnisse verschoben sich: Spanien stieg dank seiner neuen Kolonien in Südamerika zur Weltmacht auf, der Stern von Venedig begann zu sinken.
Von der einstigen Größe Venedigs zeugt neben dem Markusplatz mit seinen Prachtbauten auch das Arsenale, ein ganzes Viertel, das mehrere Schiffswerften umschließt, in denen einst die venezianischen Handelsschiffe und Galeeren gefertigt wurden. In der Accademia auf der anderen Seite des Canal Grande sind die vielen Kunstwerke zu sehen, die berühmte italienische Maler wie Tizian, Bellini, Veronese und Tintoretto im Auftrag der reichen venezianischen Kaufleute für ihre prachtvollen Palazzi schufen.
Nur eines gehört bei einer Venedig-Reise im Winter unbedingt ins Gepäck: Gummistiefel. Wenn wie so häufig Aqua Alta die Stadt heimsucht, steigt das Wasser nicht nur auf dem Markusplatz schon einmal bis über die Knöchel. Doch wer Hochwasser, Regen und Nebel in Kauf nimmt, wird mit einer wunderschönen Stadt belohnt, die nichts von ihrer Einmaligkeit verloren hat. Zumindest bis im Frühling der Trubel wieder losgeht.
Foto ©Fotolia – Nikolny
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